Im Gespräch mit Betroffenen

Ich habe mit einigen Betroffenen gesprochen und eine Umfrage durchgeführt. Betroffene erzählten mir von ihren erschreckenden Erlebnissen, Konzentrationsschwierigkeiten und sonstigen Symptomen. Hier zeige ich euch Ausschnitte von ihren Antworten. Ihre Aussagen sind Beweise dafür, dass diese Symptome im Schulkontext von Menschen tagtäglich erlebt werden und es höchste Zeit für einen Nachteilsausgleich wird.

 

Wo, wann und wieso erlebst du deine Symptome deiner Angststörung?

«Ich habe mehr Angst, zum Beispiel bei Vorträgen, im Sport oder überall, wo mir viele Menschen zusehen. Es fällt mir schwer, manche Dinge zu tun, die für andere normal sind und zum Beispiel auch neue Kontakte knüpfen.» -Anonym (Nr. 75) diagnostiziert

 
«Sehr viele mögliche Trigger, weil so viel dort passiert. Vorträge sind Horror, man hat nicht aktiv Angst vor den Mitschülern, sondern vor der Aufmerksamkeit, die auf einem liegt.» 
 -Anonym (Nr.38) nicht offiziell diagnostiziert

 
«Es äussert sich schon bei den kleinsten Dingen wie im Lehrerzimmer anklopfen, vor der Klasse reden usw.» -M1, nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ich hatte Angst mit den Lehrern zu reden oder mit Klassenkameraden und ich hatte Angst in die Schule zu gehen.» -F1, nicht offiziell diagnostiziert

 
«Zu fremden Personen zu gehen benötigt grosse Überwindung. Man überdenkt auch jede einzelne Interaktion, die man hatte und redet sich selbst schlecht wie komisch man war.» -Anonym (Nr.84), diagnostiziert

 
«…ich fühl mich oft schlecht, obwohl niemand was sagt, weil ich mir im Kopf ausmale, was sie denken könnten. Das macht vieles anstrengend. Auch einfache Situationen werden dadurch schwerer.» - M2, nicht offiziell diagnostiziert 

 
«Partner für Partnerarbeiten finden ist extrem schwierig, man ist ausgeschlossen und alleine während Ausflügen, Vorträge sind generell schwierig wegen der Panikstörung.» 
 -Anonym (Nr.48), diagnostiziert

 
«…Im Klassenzimmer sitze ich ebenfalls lieber vorne, am besten ganz nahe bei der Türe, dass ich mich schnell rausschleichen könnte, wenn etwas wäre. Wenn ich zum Beispiel zur Toilette muss, das traue ich mich nämlich auch nicht, vor der Klasse zu fragen, ob ich auf die Toilette darf…» -Anonym (Nr.44), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Vor Menschen zu sprechen ist extrem schwer. Z.B. beim letzten Vortrag hatte ich eine Panikattacke und musste abbrechen. Fremde Menschen lösen in mir Angst/Panik aus, vor allem wenn ich diese ansprechen muss. Dasselbe mit Telefonaten, z.B. für einen Arzttermin. Ich habe einerseits Angst, die Leute zu nerven, andererseits fühle ich mich immer sehr beobachtet, fast "nackt" und als ob alle mich ständig bewerten würden.» -M3, diagnostiziert

 
«In der Schule hat es besonders einen Einfluss auf meine Leistung in mündlichen Noten, besonders wenn diese in einer grösseren Gruppe/der ganzen Klasse stattfinden.» -Anonym (Nr.91), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ich muss immer einen möglichen Fluchtweg haben und diesen auch im Blick haben. Z.B. im Restaurant sitze ich nahe an der Tür und habe diese, wenn möglich immer im Blick.»
 -M3, diagnostiziert

 

Von welchen Symptomen bist du betroffen?

M berichtete mir, dass sie bereits bei einem Vortrag umgekippt ist und vom Krankenwagen abgeholt werden musste. – nicht offiziell diagnostiziert

 
«Prüfungen erzeugen Stress und Atemnot.» -N1, diagnostiziert

 
«Panik bei zu grossen Menschenmengen.» -Anonym (Nr.78), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Herzrasen, Schwierigkeiten mit Atmung und mit Schlucken, Zittern der Hände, Druck auf der Lunge, trockener Mund, leichtes Taubheitsgefühl im ganzen Körper. (Wie wenn ich von einem 10m Sprungturm springe. Das Gefühl, das man hat in den ersten paar Sekunden vom Fall-> ich nehme an, das ist das Adrenalin.)» -Anonym (Nr.82), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Probleme mit Menschen zu reden, “freeze” Momente» -Anonym (Nr.25), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Übelkeit, Bauchschmerzen, Brustschmerzen um das Herz herum, eine Art Sprechblockade.» -Anonym (Nr.77), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, eingeschränkte Sicht, Zittern, innere Schwäche, Kurzatmigkeit/Panik wegen Atemnot, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, komischer Schlaf.» -Anonym (Nr.90), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Atemnot, Zittern, Taube Hände & Beine, Tränen.» -R, nicht offiziell diagnostiziert

«Mir ging es jeden Tag körperlich sehr schlecht. Von Kopfschmerzen, über Schwindel bis zum Erbrechen.» -C, diagnostiziert

 
«…Ich habe Schlafprobleme aus Angst am nächsten Tag in die Schule zu müssen, was zu Müdigkeit führt, was zu Antriebslosigkeit führt.» -Anonym (Nr.48), diagnostiziert

 
«Müdigkeit, Panik bei Prüfungen/Noten/Vorträgen, Probleme mit sozialem Umgang, da es mir Angst macht. Hatte schon Panikattacken in der Schule.» -E, diagnostiziert

 
«Zusätzliche Schlafstörungen, selten Panikattacken, Gedankenspiralen, Physisches wie Übelkeit/Zittern etc., Probleme mit stressigen/schwierigen Situationen.» -E, diagnostiziert

 
«Vor vielen Menschen zu reden. (Panikattacken, Übelkeit, Schlaflosigkeit etc.)» -Anonym (Nr.84), diagnostiziert

 
«Es fühlte sich für mich an, als würde ich tagtäglich von der Panik, die ich hatte, sterben.» 
 -C, diagnostiziert

 

Leidest du unter Konzentrationsschwierigkeiten oder Ähnlichem?

«Es macht meine Konzentration kaputt.» -Anonym (Nr.78), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Musste die Schule abbrechen.» -N1, diagnostiziert

 
«Manchmal kriege ich eine kurze Panikattacke während Prüfungen und kann nicht mehr denken. Bzw. ich habe alles, was ich gelernt habe, vergessen und dann werde ich in eine Spirale gezogen, weil ich mich dann stresse, dass ich es nicht mehr weiss und dann schaffe ich es noch weniger, mich zu konzentrieren, etc…» -Anonym (Nr.30), diagnostiziert

 
«Es braucht mehr Energie, überhaupt in die Schule zu kommen. Bei Prüfungen (vor allem bei Vorträgen) bin ich viel nervöser als andere, was dazu führen kann, dass ich eine Blockade bekomme oder mich weniger gut konzentrieren kann.» -F2, nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ich finde ein wichtiger Teil ist noch, dass man im Unterricht nicht ohne Vorwarnung drangenommen wird (peak anxiety jedes Mal) und dass darüber gesprochen wird, dass man soo extrem viel vergisst. Ich bin teilweise absolut nicht aufnahmefähig oder vergesse/verdränge teils ganze Unterrichtslektionen/Gespräche/Tage, weil in diesen Momenten die Angst und/oder Panik zu gross war, dass mein Gehirn jegliche Erinnerungen daran verliert.» -Anonym (Nr.90), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ich konnte mich nicht mehr richtig auf den Unterricht konzentrieren und habe schlechte Noten geschrieben.» -F1, diagnostiziert

 

Was hilft dir jetzt bereits, durch den Tag zu kommen? 

«Kopfhörer, körperliche Aktivität.» -Anonym (Nr.38), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Musik, man muss seine Routine finden, um sich zu beruhigen.» -Anonym (Nr.84), diagnostiziert

 
«Mir möglichst viel Sicherheit schaffen mit dem, was ich habe. Also zum Beispiel Skills mitnehmen, Musik hören, falls nötig und möglich, jemanden informieren und mir Belohnungen setzen, wenn ich mich zu etwas überwinde.» -Anonym (Nr.75), diagnostiziert

 
«Rückzugsmöglichkeiten, Kaugummi, Fidget Toys.» -Anonym (Nr.77), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ich hatte mir gewünscht, dass der Wahnsinn aufhört, der tagtäglich passiert ist. Aber geholfen hat nie wirklich was, ausser zuhause bleiben.» -C, diagnostiziert

 

Was müsste sich für dich noch verändern? / Was würde dir noch helfen?

«Nachteilsausgleich wäre wahrscheinlich nicht schlecht, mündliche Prüfungen nur 1 zu 1 mit der Lehrperson, damit mich niemand für eine falsche Antwort verurteilen kann.» -Anonym (Nr.82), nicht offiziell diagnostiziert

 
«Ja, ein Nachteilsausgleich für beispielsweise Vorträge oder Prüfungen oder Sport oder so würde vieles einfacher machen.» -Anonym (Nr.75), diagnostiziert

 
«Nachteilsausgleich, länger Zeit bei den Prüfungen,» -N1, diagnostiziert

 
«Es hätte einen Unterschied gemacht, wenn man gesagt hätte, okay trag es (Vorträge) nach Unterrichtsende oder in der Pause vor.» -C, diagnostiziert

 
«Schwierig. Vielleicht selbstständiges Management, wann man die Tests schreiben will. Oder dass man den Ort des Tests schreiben selbst wählen kann. (Vielleicht zuhause mit Videocall.)» -N2, diagnostiziert

 
«Vorträgen mehr Zeiten geben, Räume anbieten, wo die Person wirklich alleine sein kann, um Überstimulation zu vermeiden.» -Anonym (Nr.38), nicht offiziell diagnostiziert

 

Durch wenige Anpassungen können wir die Lebensqualität vieler Schüler*innen erheblich verbessern. Die Kosten dafür sind gering, daher müssen wir diese Anliegen ernst nehmen und umsetzen.